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- Forschungsstand
Zurzeit läuft im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms Nr. 51 („Integration und Ausschluss“) das Teilprojekt „Unterwegs zwischen Verfolgung und Anerkennung – Formen und Sichtweisen der Ausgrenzung und der Integration von Jenischen, Sinti und Roma in der Schweiz (19. und 20. Jahrhundert)“ unter der Leitung von Thomas Huonker. Dabei sollen die „verschiedenen Phasen der Ausgrenzung respektive Integration von Jenischen, Roma und Sinti im Gebiet der Schweiz und der Grenzregionen“ mit einem minderheitsperspektivischen Ansatz analysiert werden.[2] Fahrende Menschen erscheinen nicht bloss als Objekte von obrigkeitlichen Handlungen, sondern als aktive Subjekte. Daraus ergibt sich die methodische Ausrichtung des Projektes, auch Selbstzeugnisse und Interviews einzubeziehen. Dieses innovative Projekt wird zweifellos weiteren Aufschluss über die Lebens- und Leidensgeschichte dieser ethnischen Minderheiten in der Schweiz liefern. Projektleiter Thomas Huonker hat zusammen mit Regula Ludi im Rahmen der „Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg“ in teilweise minutiöser Detailtreue die flüchtlingspolitische Situation der Roma, Sinti und Jenischen erarbeitet. Dabei gehen die Verfasser der starken Präsenz der Nichtsesshaften in politischen, polizeilichen und psychiatrischen Diskursen ebenso auf den Grund wie ihrer Positionierung in einem durch Zwang errichteten bürgerlichen Rahmen, der bereits vor dem Zweiten Weltkrieg zur Exklusion von Zigeunern geführt hatte.[3]
Zum quellensprachlichen Begriff ‚Zigeuner’ besteht neben eigens für das Gebiet der Schweiz angefertigten Studien insbesondere in Deutschland eine intensiv geführte Debatte um die Frage der ethnischen Homogenität der mit diesem Ausdruck bezeichneten Personen. Leo Lucassen hat in seiner grundlegenden Studie den Nachweis erbracht, dass sich der Begriff ‚Zigeuner’ zu Beginn des 20. Jahrhunderts keineswegs auf die Ethnien der Roma beschränkte.[4] Zudem hat er auf die zentrale Bedeutung der polizeilichen Institutionen für die Konstituierung einer Zigeunerpolitik hingewiesen. Auch hinsichtlich des Verhaltens der sesshaften Mehrheit gegenüber den fahrenden Minderheiten kann diese Arbeit auf eine breite Literaturbasis zurückgreifen.[5]
Für die Schweizer Geschichte der ethnischen Gruppen innerhalb der Etikettierungskategorie „Zigeuner“ ist die Arbeit von Clo Meyer über die Jenischen im Kanton Graubünden relevant.[6] Thomas Meier und Rolf Wolfensberger thematisieren die Homogenisierungstechniken gegenüber Heimatlosen in der Schweiz vom 16. bis zum 19. Jahrhundert.[7] Mit der Politik der Schweiz gegenüber ausländischen Zigeunern vor dem Ersten Weltkrieg hat sich Franz Egger befasst.[8]
Zum „Überfremdungsdiskurs“ in der Schweiz existiert eine ältere Arbeit von Rudolf Schlaepfer, welche die Grundlinien der schweizerischen Ausländerpolitik vor dem Ersten Weltkrieg skizziert.[9] Patrick Kury hat jüngst eine diskursanalytische Studie zum Überfremdungsbegriff und dessen Verwendungsfeldern vorgelegt.[10] Weiter ist auf die Forschungstätigkeit von Gérald Arlettaz hinzuweisen, der teilweise in Zusammenarbeit mit Sylvia Arlettaz die Bedeutung des Ersten Weltkrieges für die schweizerische Ausländerpolitik und den innergesellschaftlichen Einigungsprozess aufzeigt.[11] Die im Kontext der Ausländerpolitik entstandene Institution der Eidgenössischen Fremdenpolizei wurde von Uriel Gast bearbeitet.[12]
Zur Geschichte der kantonalen Polizeiinstitutionen sind mehrheitlich Jubiläumsschriften mit nur geringem wissenschaftlichem Gehalt erschienen.[13] Eine Ausnahme bildet die neue Arbeit von Franz Kiener zur Geschichte der Polizei im Kanton Luzern.[14] Eine umfassende, unter wissenschaftlichen Leitlinien basierende Arbeit über die Polizei in der Schweiz steht allerdings noch aus, wie Karl Ebnöther in seinem zentralen Literaturaufsatz zur schweizerischen Polizeigeschichte festgestellt hat.[15] Ähnliches gilt auch für die Geschichte des eidgenössischen Grenzwachtkorps. Bislang liegt lediglich die Jubiläumsschrift von Alfred Kuert anlässlich des 100-jährigen Bestehens vor.[16]
Der von Waltraud Heindl und Edith Saurer herausgegebene Sammelband erweist sich als wertvolle Grundlage zu den vielfältigen staatlichen Konzeptionen der ‚Grenze’ und den Lebensbedingungen in den Grenzräumen selbst.[17] Die klassischen Texte von Georg Simmel, Niklas Luhmann und Lucien Fèbvre über die soziologische und historische Bedeutung von Grenzen für die staatliche Herrschaft stehen einer Vielzahl von neueren Texten gegenüber, die das Thema ‚Grenze’ aus sehr unterschiedlichen Perspektiven beleuchten.[18] Eine Deutung räumlicher Anordnungen der Gesellschaft unternimmt David Sibley, indem er eine Theorie für die Strategien und Techniken räumlicher Platzierungen erarbeitet.[19] Die verschiedenen Typen von Grenzen als kulturelle Kodifizierungen wie auch die Bedeutung der verschiedenen Grenzkonzeptionen für die Forschung sind von Jürgen Osterhammel dargestellt worden.[20] Mit Begrenzungs- und Abgrenzungsstrategien hat sich auch Michel Foucault auseinandergesetzt, bei dem die Aneignungs- und Sanktionierungsprozesse der abweichenden Personen durch die normierende Macht im Vordergrund stehen.[21]
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[2] Projektskizzierung zum NFP 51, 8. Mai 2003 (Bewilligungserteilung), S. 1.
[3] Huonker, Thomas; Ludi, Regula (Hg.): Roma, Sinti und Jenische – Schweizerische Zigeunerpolitik zur Zeit des Nationalsozialismus, Zürich 2001. – Huonker, Thomas: Fahrendes Volk – verfolgt und verfemt; Jenische Lebensläufe, Zürich 1987.
[4] Lucassen, Leo: Zigeuner – Die Geschichte eines polizeilichen Ordnungsbegriffes in Deutschland 1700-1945, Köln 1996.
[5] Bonillo, Marion: „Zigeunerpolitik“ im Deutschen Kaiserreich 1871-1918, Frankfurt a. M. 2001. – Hehemann, Rainer: Die „Bekämpfung des Zigeunerunwesens“ im Wilhelminischen Deutschland und in der Weimarer Republik, 1871-1933, Frankfurt a. M. 1987. – Lucassen, Leo: „Zigeuner“ in Deutschland 1870-1945: ein kritischer historiographischer Ansatz, in: 1999 – Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts 10 (1995), S. 82-100. – Älter: Soest, G.: Zigeuner zwischen Verfolgung und Integration: Geschichte, Lebensbedingungen und Eingliederungsversuche, Weinheim 1979.
[6] Meyer, Clo: „Unkraut“ der Landstrasse – Industriegesellschaft und Nichtsesshaftigkeit am Beispiel der Wandersippen und der schweizerischen Politik an den Bündner Jenischen vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zum 1. Weltkrieg, Zürich 1983.
[7] Meier, Dominik; Wolfensberger, Rolf: „Eine Heimat und doch keine“ – Heimatlose und Nicht-Sesshafte in der Schweiz (16.-19. Jahrhundert), Zürich 1998.
[8] Egger, Franz: Der Bundesstaat und die fremden Zigeuner in der Zeit von 1848 bis 1914, in: Studien und Quellen 8 (1982), S. 49-70.
[9] Schlaepfer, Rudolf: Die Ausländerfrage in der Schweiz vor dem ersten Weltkrieg, Diss. Phil.-Hist. Fak. Universität Zürich 1969.
[10] Kury, Patrick: Über Fremde reden – Überfremdungsdiskurs und Ausgrenzung in der Schweiz 1900-1945, Zürich 2003.
[11] Arlettaz, Gérald: Démographie et identité nationale (1850-1914) – La Suisse et „La question des étrangers“, in : Studien und Quellen 11 (1985), S. 83-115. – Arlettaz, Gérald: Les effets de la première guerre mondiale sur l’intégration des étrangers en Suisse, in: Relations Internationales 54 (1988), S. 161-179. – Arlettaz, Gérald u. Sylvia : La Première Guerre mondiale et l’émergence d’une politique migratoire interventionniste, in: Beiroch, Paul; Körner, Martin (Hg.): Die Schweiz in der Weltwirtschaft, Zürich 1990, S. 319-337. – Arlettaz, Gérald u. Sylvia : Les chambres fédérales face à la présence et à l’immigration étrangères (1914-1922), in: Studien und Quellen 16/17 (1990/1991), S. 9-157.
[12] Gast, Uriel: Von der Kontrolle zur Abwehr – Die eidgenössische Fremdenpolizei im Spannungsfeld von Politik und Wirtschaft 1915-1933, Zürich 1997.
[13] Dazu: Ebnöther, Karl: Polizeigeschichte in der Schweiz, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 45 (1995), S. 458-489.
[14] Kiener, Franz: Im Einsatz für Sicherheit, Ruhe und Ordnung: die Kantonspolizei Luzern 1803-2003, Luzern 2003.
[15] Ebnöther 1995.
[16] Kuert, Alfred: Aus der Geschichte des Grenzwachtkorps, in: Zoll-Rundschau 2 (1994), Sonderausgabe, das Grenzwachtkorps 1894-1994, S. 13-89.
[17] Heindl, Waltraud; Saurer, Edith (Hg.): Grenze und Staat – Passwesen, Staatsbürgerschaft, Heimatrecht und Fremdengesetzgebung in der österreichischen Monarchie (1750-1867), Wien 2000.
[18] Simmel, Georg : Der Raum und die räumlichen Ordnungen der Gesellschaft, in: Soziologie – Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung [1908], Olaf Rammstedt (Hg.): Gesamtausgabe, Frankfurt a. M. 1992, S. 614-708. – Luhmann, Niklas: Soziale Systeme – Grundriss einer allgemeinen Theorie, Frankfurt a. M. 1984. – Fèbvre, Lucien: „Frontière“ – Wort und Bedeutung [1928], in: Ders.: Das Gewissen des Historikers, hg. v. Ulrich Raulff, Berlin 1988, S. 27-37.
[19] Sibley, David: Geographies of Exclusion – Society and Difference in the West, London 1995. – Eine thematisch und wissenschaftstheoretisch strukturierte Bibliographie vor allem über die Grenzthematik in neueren Arbeiten bei Seifarth, E.: Auswahlbibliographie, in: Stauber, Reinhard; Schmale, Wolfgang (Hg.): Menschen und Grenze in der Frühen Neuzeit, Berlin 1998, S. 304-344.
[20] Osterhammel, Jürgen: Kulturelle Grenzen in der Expansion Europas, in: Ders. (Hg.): Geschichtswissenschaft jenseits des Nationalstaats, Göttingen 2001, S. 203-239.
[21] Foucault, Michel: Räderwerke des Überwachens und Strafens, in: Ders.: Mikrophysik der Macht – Über Strafjustiz, Psychiatrie und Medizin, Berlin 1976, S. 31-47. – Ders.: Die gesellschaftliche Ausweitung der Norm, in: Ders.: Mikrophysik der Macht – Über Strafjustiz, Psychiatrie und Medizin, Berlin 1976, S. 83-88. – Ders.: Überwachen und Strafen – Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt a. M. 1977.